20. November 2002

 

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Ernst Hürlimann
Rektor der Gewerblich-Industriellen
Berufsschule Solothurn

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Berufsbildung Schweiz

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr gern nehme ich die Gelegenheit wahr, Ihnen in aller Kürze einige Informationen zum Umfeld und zur Großbaustelle "Berufsbildung Schweiz" und im Speziellen zur Situation in unserem Kanton Solothurn zu erläutern.

Das Bildungssystem in der Schweiz gliedert sich in drei Stufen. Die obligatorische Schulzeit (Primar- und Sekundarstufe I), gefolgt von der Sekundarstufe II, worin die duale berufliche Grundausbildung positioniert ist und die anschliessende Tertiärstufe.

Die Oberaufsicht über die Berufsbildung obliegt dem Bund, welcher den Vollzug an die einzelnen Kantone der Schweiz delegiert hat.
Die einzelnen Berufsschulen haben einen eigenständigen Bildungsauftrag. Sie vermitteln den Lehrlingen im Pflicht- und allfälligen Wahlpflichtunterricht die notwendigen theoretischen Grundlagen zur Ausübung ihres Berufes und fördern durch eine allgemeine Bildung die Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Begabten und leistungswilligen Lehrlingen steht die Möglichkeit offen, die Berufsmatura zu absolvieren.

Der Kanton Solothurn verfügt zur Zeit über drei gewerblich-industrielle sowie drei kaufmännische Berufsschulen.

Die Gewerblich-Industrielle Berufsschule Solothurn, als größte Berufsschule im Kanton, besteht aus einer Schulleitung mit einem Rektor und Prorektor, daneben ist die Schule in 7 verschiedene Abteilungen gegliedert, wobei für die Abteilungsleitungen weder finanzielle Mittel noch Stundenentlastungen zur Verfügung stehen. An unserer Schule werden momentan 17 verschiedene Berufe unterrichtet, überdies wird auch die Anlehre für leistungsschwächere Lehrfrauen und Lehrlinge angeboten. Mit ca. 230 Berufsmaturitätsschülerinnen und -schülern führt unsere Schule die größte Maturitätsabteilung im Kanton.

Der Lehrkörper umfasst zur Zeit ca. 100 Lehrkräfte.
Seit letztem Jahr ist der Beamtenstatus in unserem Kanton aufgehoben worden und die Lehrkräfte wurden alle neu mit befristetem bzw. unbefristetem Anstellungsverhältnis angestellt. Eine Kündigung ist grundsätzlich nur auf Schulhalbjahresende möglich und muss 4 Monate vorher erfolgen. Rekrutierung und Anstellung der Lehrkräfte erfolgt durch die örtliche Schulleitung. Vor der Anstellung von Lehrkräften mit unbefristetem Anstellungsverhältnis führt die Schulleitung ein Auswahlverfahren durch, bei welchem ein von der Schulleitung eingesetzter Ausschuss mitwirkt.

Die Budgetierung erfolgt durch die einzelnen Schulen selbständig, wobei der Voranschlag mit dem Amt für Berufsbildung und Berufsberatung besprochen und endgültig vom Regierungsrat, d.h. vom Departement für Bildung und Kultur, verabschiedet wird.

Im Unterricht werden der klassische Frontalunterricht, erweiterte Lehr- und Lernformen (z.B. Gruppenarbeit, Leitprogramme, Projektmethode, Fallstudie, Werkstattarbeit usw.), fächerübergreifender Unterricht sowie das Internet (mit zur Zeit ca. 120 Arbeitsplätzen) eingesetzt. Momentan sind wir in der Startphase zur Initialisierung eines ICT-Projektes (Informations- und Kommunikationstechnologien), in welchem ein kantonaler Bildungsserver installiert und eine Projektgruppe von 8 Lehrkräften vom Bund in einem Pilotprojekt ausgebildet werden.
Eine eigentliche Qualitätssicherung- bzw. Entwicklung ist an unserer Schule noch nicht eingerichtet. Aber auch ohne ISO oder anderes Qualitätsmanagementsystem wird an unserer Schule seit Jahren die Qualität gesichert. Sie erfolgt über die Ergebnisse der jährlichen Lehrabschlussprüfungen, die eidgenössische Maturitätsprüfung, den Einsatz von Experten aus Industrie und Fachhochschulen bei der Abnahme von Prüfungen, Schulbesuche durch Schulleitung und den kantonalen Berufsschulinspektor sowie Mitglieder der Berufschulkommission, der eidg. und kantonalen Berufsmaturitätskommission und Vertreter aus Industrie und Gewerbe.

Der Reformdiskussion im Bildungsbereich fehlt es seit längerer Zeit nicht an Inhalten und Modernisierungszielen, die längerfristig eine gute und zweckmäßige Schulentwicklung versprechen. Seit bald über 10 Jahren ist das Berufsbildungswesen auf Kantonal- sowie auch auf Bundesebene eine riesige Baustelle.
Die Lancierung ständig neuer Reform- und Restrukturierungsprojekte verschiebt die eigentliche Schulleiteraufgabe verstärkt in Richtung Schulverwalteraufgaben.

Auf kantonaler Ebene werden wir Jahr für Jahr bei der Budgetierung gefordert, massive Kosteneinsparungen vorzunehmen. Der äußerst marode Finanzhaushalt unseres Kantons zwingt uns zu den jährlich wiederkehrenden Sparübungen, welche entsprechende Wirkung im Bereich Motivierung, Einsatz und Interesse bei der Lehrerschaft hervorrufen.
In den 90er-Jahren haben laufende Nichtgewährung des Teuerungsausgleiches, Überwälzung von Versicherungskosten und eine Reallohnkürzung zu kumulierter Besoldungskürzung von fast 10 Prozent geführt.
Große Kostenreduktionen müssen seit Jahren in den Bereichen Unterrichtsmaterialien, Mobilien und baulichen Maßnahmen vorgenommen werden. Die Reisekostenentschädigungen an Lehrlinge wurden gestrichen, der obligatorische Sport- und Turnunterricht sistiert. Die Mindestklassengröße wurde auf 15 Schülerinnen und Schüler angehoben. Das Freifachwahlangebot wurde massiv reduziert, künftig dürfen nur noch Kurse angeboten werden, die auf weiterführende Schulen vorbereiten. Im Zusammenhang mit dem enormen Spardruck von politischer Seite her haben wir Schulleiter beschlossen, das Prinzip "Ein Beruf = ein Schulort" im Kanton zu realisieren, d.h. ein bestimmter Beruf wird nur noch an einer bestimmten Schule im Kanton angeboten. Durch diese Maßnahme können jährlich ca.
eine Mio. CHF eingespart werden.
Als weitere Sparmaßnahme hat die Kantonsregierung beschlossen, dass die Erwachsenenweiterbildung selbsttragend sein muss, also keine Subventionen mehr gewährt werden.

Neben den finanziellen Veränderungen, welche die Berufsbildungslandschaft nicht unbedingt positiv beeinflussen, wurden in den vergangenen Jahren auch große Reformarbeiten im Bereich des Unterrichtes durch die Einführung neuer Rahmenlehrpläne vollzogen. Es würde den zeitlichen Rahmen sprengen, auf die verschiedenen, z.T. sehr guten und innovativen Lehrplanrevisionen einzutreten.

Eine wesentliche Änderung wird sich in unserem Kanton im nächsten Jahr ergeben, indem die verschiedenen Berufsschulen des Kantons zu zwei großen Bildungszentren zusammengeführt werden. Es ist vorgesehen, die beiden Bildungszentren Ost und West jeweils mit einer zentralen Schulverwaltung zu führen. Gleichzeitig werden Globalbudgets und entsprechende Leistungsvereinbarungen sowie die wirkungsorientierte Verwaltung eingeführt.

Auf Bundesebene steht das neue Berufsbildungsgesetz kurz vor der Einführung. Die Revision des Gesetzes ist die Antwort auf den Wandel der Arbeitswelt und der Gesellschaft. Aus Zeitgründen kann nur auf eine differenzierte Auswahl von Zielen und Schwerpunkten eingegangen werden.
Es bringt neue differenzierte Ausbildungswege neben der traditionellen Lehre, Grundbildungen mit hohem Schulanteil sowie kürzere Bildungen mit eigenem Qualitätsprofil für Schwächere. Es soll die ganze Berufsbildung außerhalb des Hochschulbereiches regeln, also auch Integration der Gesundheit, Soziales und Kunst, sowie Land- und Forstwirtschaft. Die Berufsbildung soll Teil des Gesamtbildungssystems sein und nicht ein unabhängiger, sich selbst genügender Block. Den Akteuren vor Ort wird mehr Verantwortung übertragen und das Gesetz soll der Flexibilisierung und Dynamisierung der Berufsbildung Rechnung tragen. Weiterer Schwerpunkt ist der vorgesehene Wechsel von der bisherigen, am Aufwand orientierten Subventionierung zu einem System von leistungsorientierten Pauschalen. Die neue Finanzierungsart wird aber zweifellos noch viel zu reden geben. Im Weiteren müssen sämtliche berufsbildende Institutionen obligatorisch ein Qualitätsmanagementsystem einführen.

Kurz: Das neue Berufsbildungsgesetz ist: modern - innovativ - systematisch

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!