20. November 2002

 

Home   Einladung   Lageplan   Programm

Beiträge   Bilder   Links   

 

Cees Baalbergen
Berufliche Schule Utrecht, Niederlande

Download des Referates

 

 

 

Problemgesteuerter Unterricht

Sie stellten uns 3 Fragen: Ich füge noch eine hinzu:

  • Was hat sich in den letzten Jahren in Ihren Tätigkeiten geändert?

  • Welche Ursachen gab es aus Ihrer Sicht für diese Veränderungen?

  • Welche Lösungsansätze gibt es in Ihrem Land/ an Ihrer Schule?

  • Wie sieht die heutige Praxis aus?

Was hat sich in den letzten Jahren in Ihren Tätigkeiten geändert?
 
Der Lehrer (der Kenntnisse überträgt) ist ein Tutor (der den Lernprozess begleitet) geworden.
Auf die Gewährleistung der Qualität des Unterrichts und die Überprüfung der Ergebnisse dieses Unterrichts wird in Holland in den letzten Jahren mehr Zeit und Energie verwendet.

Welche Ursachen gab es aus Ihrer Sicht für diese Veränderungen?
 
Die MAVO/HAVO/VWO-Schulen (unser weiterführender allgemeiner Unterricht im Ganzen) hat eine sehr starke Tendenz - wegen eines demographisch zurückgehenden Angebots der Schüler - ihre Schüler 'festzuhalten' und geben ihnen nicht leicht die Möglichkeit, in den höheren Berufsunterricht hinüberzutreten. Außerdem hat das Interesse der Jugend für eine technische Weiterbildung stark nachgelassen.
Das zentral geregelte Unterrichtsministerium hat mit seiner Regel- und Gesetzgebung die Situation im höheren Berufsunterricht gründlich geändert.
Ausgangspunkt dabei ist eine 'Zerschnippelung' von Ausbildungen (Schulen) zu vermeiden und zweitens der richtige Schüler bekommt den richtigen Platz im Unterricht.

Welche Lösungsansätze gab es in Ihrem Land bzw. an Ihrer Schule?

Die selbständige Schule (Kollegium) 'Scutos' mit etwa 1200 Schülern ist jetzt völlig eingegangen in das / ist fusioniert mit dem ROC ASA und umfasst jetzt 15 Schulen/'Kollegien'.
Die Finanzierung wurde von einem zentralen, staatlich geregelten Deklarationssystem in ein Schuletatsystem umgewandelt. Jede Schule / jedes fusionierte 'Kollegium' bekommt also jetzt für alles einen Gesamtbetrag.
Dadurch hat jetzt jede Schule mehr Freiheit in der Anwendung des Geldes und die Staatsbehörde wurde befreit von einem Unterrichtsetat mit einem offenen Ende.
Die flache Organisationsstruktur einer selbstständigen Schule ist in eine breitere und tiefere Organisationsstruktur des ROC verändert worden.

Man hat eine neue Sicht auf Unterricht entwickelt: den sogenannten Problemgesteuerten Unterricht. [P.G.U.]
Mehr professionelle Stabsmitarbeiter und externe Dienststellen (private und / oder öffentliche) stehen dem Dozenten in jeder Hinsicht zur Seite.

Testen [Prüfen]
Die BOL-4 Ausbildung (unser mainstream) hat eine vom Staat bestimmte Struktur von Qualifikationen, die aus Teilqualifikationen und (noch kleineren) Unterrichtseinheiten bestehen.
Die Lernziele/ Endziele sind für jede Teilqualifikation von der Behörde (vom Staat) festgesetzt und bestimmt.
Mit Hilfe dieser Endziele für jede Unterrichtseinheit wird eine sogenannte 'Testmatrize' gemacht.
Die Testmatrize gibt an, wie viele Items (Einzelpunkte) in den zu entwickelnden Test aufgenommen werden müssen und dies alles für jedes der vielen Endziele.
Der Test, die Testmatrize, das Beurteilungsmodell und die Zensur genügend/ ungenügend werden nachher von einer externen Dienststelle kontrolliert und nachher legitimiert, akzeptiert oder nicht akzeptiert.

PGU
PGU steht für problemgesteuerter Unterricht.
Das Wesentliche dabei ist an konkreten Fällen den Lernstoff vom Schüler selbst explorieren zu lassen.
Im Kasus (case) werden die einzelnen Fächer der Ausbildung soviel wie möglich integriert.
Die Fertigkeiten, die die Lerner dabei entwickeln, sind besonders:
 - Zusammenarbeiten
 - Versammlungen /Sitzungen abhalten
 - Ein problemlösender Umgang mit Information.
 
Weiter werden Attitüden entwickelt wie
 - Assertivität
 - Initiativen ergreifen wollen
 - Mehr Selbständigkeit /weniger Lehrerabhängigkeit.

Die heutige Praxis in unserer Schule.
Wie sieht sie aus?
Beim PGU tritt die Arbeit mit kleinen Gruppen von etwa 8 Lernern in den Vordergrund: die sogenannte Tutorgruppe.
Per Sitzung wird - der Reihe nach - ein Vorsitzender, ein Schriftführer und ein ' Tafelschreiber' gewählt, der die wichtigsten Punkte, die Hauptlinie der Versammlung an die Tafel schreibt.
Im ersten und zweiten Studienjahr wird eine Versammlung vom Tutor / von einem Lehrer der Schule "gecoacht". Der Tutor korrigiert, wo gewünscht.

Zweitens kennzeichnet sich der programmgesteuerte Unterricht durch ein Arbeiten mit dem sogenannten Siebensprung.
In sieben immer wiederkehrenden Schritten wird der Kasus exploriert, analysiert und gelöst.
Der erste Schritt ist ein richtiges Verständnis.
Die Schüler kontrollieren, ob sie die Aufgabe verstanden haben und schlagen eventuell die 'schwierigen Wörter' nach.
Der zweite Schritt ist das Definieren des Problems.
Lernende verbalisieren die Probleme in einigen zu lösenden Fragen - ein Verfahren, womit die Veranstalter des Symposiums vertraut sind.
Der dritte Schritt ist die Problemanalyse.
Die Schüler sammeln ihre Vorkenntnisse und formulieren daraus einige erste Ideen.
Der vierte Schritt ist das Ordnen von Standpunkten und Erklärungen.
Im fünften Schritt werden die Lernziele formuliert.
Die Lernenden fragen sich welche Kenntnisse noch fehlen, was sie studieren oder zu Rate ziehen wollen und welche Antworten sie suchen wollen.
In Schritt sechs besuchen die Studenten selbständig den 'Informationsmarkt', um die Lernziele zu realisieren und die erforderlichen Kenntnisse zu erwerben. (Mit dem Info- Markt meinen wir u.a.: Internet, Bibliothek, eine Exkursion/ einen Besuch in einem Betrieb oder "unterstützende Stunden".
Schritt sieben ist die Berichterstattung. Die sich angeeignete Information wird mit eigenen Worten formuliert.
Anders gesagt und kurz gefasst: Die neuen Kenntnisse werden auf den Kasus angewandt.

Wir haben jetzt gut drei Jahre Erfahrungen mit dieser PGU - Unterrichtsform gesammelt und sind davon überzeugt, dass PGU - sicher auf längere Sicht und mit mehr Erfahrung - eine Bereicherung des modernen Unterrichts bedeutet.