20. November 2002

 

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Veikko Hätälä
Leiter der finnischen Gartenbauschule
in Kempele

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Einblick in das finnische Berufsbildungssystem

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Himmelsbach, sehr geehrter Herr Schulamtsleiter Senghaas, sehr geehrte Damen und Herren,

zuerst möchte ich mich herzlich bedanken, dass ich von der Stadt Heilbronn, dem Landkreis Heilbronn und unserer Partnerschule, der Christiane-Herzog-Schule, zu diesem Symposium eingeladen wurde.

Ich heiße Veikko Hätälä und komme aus Finnland. Ich repräsentiere hier die Oulun seudun luonnonvara-alan oppilaitos, Puutarhatalouden toimipiste - auf Deutsch die Gartenbauschule Kempele.

Mit Heilbronn hatten wir schon viel zu tun: wir haben sogar Ihr sehr schönes Rathaus einmal gebaut! Das Rathaus entstand im Rahmen des EU-Sokrates-Projektes "Moderne Floristik für die wichtigen Momente im Leben", in dem deutsche und finnische Schüler es im Rahmen unserer Gartenbauaustellung "Floralia 2001" in Kempele gebaut haben.

Schon seit 50 Jahren bilden wir Gärtner und Floristen in Kempele aus. Zur Zeit haben wir etwa 150 Schüler, davon etwa 20 Florist-Schülerinnen im Erwachsenenbildungsgang (also Umschulung). Zu Oulun seudun luonnonvara-alan oppilaitos gehört auch eine landwirtschaftliche und forstwirtschafliche Abteilung auch mit etwa 120 Schülern im 40 Kilometer entfernten Muhos. Sowohl in Kempele als auch in Muhos gibt es schulische Wirtschaftsbetriebe. In Kempele werden z.B. Gemüse und Blumen produziert, die zum größten Teil in einem eigenen Blumengeschäft verkauft werden.

Ich arbeite schon seit 16 Jahren als Rektor in unserer Schule. Die Ausbildung im Gartenbau in Finnland hat sich in dieser Zeit ständig verändert. Das Ausbildungssystem wird die ganze Zeit weiter entwickelt, so dass Ziele und Inhalte der Ausbildung auf Veränderungen in den Bedürfnissen des Wirtschaftslebens möglichst schnell reagieren können.

Anders als in Deutschland, geschieht die berufliche Grundbildung in Finnland zumeist in Berufsschulen. Im Gartenbau hat die berufliche Ausbildung immer ein Betriebspraktikum zum Inhalt. Die schulischen Wirtschaftsbetriebe haben im Bereich Gartenbau und Landwirtschaft schon immer eine bedeutende Rolle in der beruflichen Bildung gehabt. Besonders in Nordfinnland ermöglichen die schulischen Wirtschaftsbetriebe ein vielseitiges Praktikum auch während der normalen schulischen Ausbildungszeit. In den Betrieben außerhalb der Schule können dann die Schüler das in der Schule erlernte Grundwissen erweitern und durch Praxis vertiefen. Die Betriebe in Nordfinnland sind oft klein und konzentrieren sich stark auf einen Produktionszweig. Die schulischen Wirtschaftsbetriebe ermöglichen eine gewisse "Breite" in der beruflichen Erstausbildung.

Bis zu den 80'ger-Jahren hat der Staat die meisten beruflichen Lehranstalten verwaltet. Die Lehrpläne waren national und die Inhalte und die Durchführung wurden gründlich geregelt. In der Mitte der achtziger Jahre wurde das Bildungssystem verändert: die Ausbildungszeit wurde etwas länger und die Spezialisierung auf ein Gebiet forciert, bei den Gärtnerberufen wurden z.B. nach der Grundbildung die Fachsparten eingeführt .

Wir sind jetzt in der Lage, allen beruflichen Grundexamen in allen Fachbereichen eine 120 Ausbildungswochen (3 Schuljahre) umfassende Ausbildung anzubieten. Von dieser Zeit sind mindestens 20 Studienwochen sog. "Lernen im Berufsleben". Das Lernen im Berufsleben ist mehr als Praktikum, einige Lernziele werden in der Schule, andere im Berufsleben, das heißt im Praktikumsbetrieb erreicht. Das bedeutet für diese Phasen eine intensive Zusammenarbeit zwischen den Schulen und Betrieben. Die Lehrpläne basieren auf einem nationalen Rahmen-Lehrplan, aber die Schulen können ihre eigenen, regionalen Schwerpunkte in den Lehrplänen setzen.

Nach einer dreijährigen beruflichen Erstausbildung wird die Hochschulreife erlangt. Das Abitur und ein berufliches Grundexamen geben also eine gleichwertige Möglichkeit zur Fortbildung.

Die Änderungen der neunziger Jahre haben auch die Schulverwaltung stark betroffen. Die beruflichen Schulen wurden aus staatlicher Trägerschaft in kommunale Trägerschaft überführt, so dass die regionalen Bedürfnisse besser erfüllt werden können. Aus den kleinen selbstständigen Schulen wurden größere Einheiten sogenannte Schulverbände geschaffen und innerhalb dieser ziemlich selbstständig arbeitender Schulverbände neue größere Schulen gebildet. Dadurch ist es möglich, Nutzen aus der Synergie verschiedener Bereiche zu ziehen und die schulischen Wirtschaftsbetriebe rationeller zu betreiben. Darum wurde auch Kempeleen puutarhaoppilaitos, Gartenbauschule Kempele, mit der Land- und Forstwirtschaftschule zu einer Einheit zusammengezogen.

Diese Veränderungen bedeuten für mich persönlich, dass ich mich fast nur mit der Verwaltung unserer Schule beschäftige - mit dem Unterricht habe ich weniger zu tun. Die Selbstständigkeit unserer kleinen Schule in unserem Schulverband OSAKK (Oulun seudun ammatillisen koulutuksen kuntayhtymä - insgesamt etwa 1300 Arbeitnehmer und über 10 000 Schüler) ist gering und die wichtigen Beschlüsse werden in der Zentralverwaltung gemacht. Die Beschlüsse werden immer öfter auf Basis wirtschaflicher Faktoren gefasst.

In den letzten Jahren sind Unterrichtsformen entwickelt worden, die die Schüler und ihre individuellen Fähigkeiten stärker berücksichtigen. Wir machen gerne projekthaften Unterricht z.B. in der Floristik. Uns ist es wichtig, dass die Schüler möglichst viel mit richtigen praxisnahen Arbeiten auch in der Schule ausgebildet werden. Da spielt der schulische Wirtschaftsbetrieb eine wichtige Rolle. Als Beispiel für diese wirtschaftliche Tätigkeit: Bei der Expo in Hannover wurde der gärtnerische Teil des finnischen Pavillions von Schülern unserer Schule mit angelegt und gepflegt. Oder im letzten Schuljahr hat die Floristikabteilung mit den finnischen Filmproduzenten bei der Natur-Märchen-Dekoration eines Kinderspielfilms mitgearbeitet. Wir möchten trotz aller Veränderungen unsere Eigenständigkeit als gartenbauliche und landwirtschaftliche Schule bewahren und unsere Schule so entwickeln, dass bei uns auch in der Zukunft viele fachkundige Gärtner und Floristen in Finnland ihr Examen machen.