20. November 2002

 

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Lars Andersen
Leiter der Handelsskole Skanderborg

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Über die Zukunft der beruflichen Bildung in Dänemark

Unter einer liberal geführten Regierung wurden in den 1980ern der wirtschaftliche Rahmen und die Struktur der Ausbildung an den dänischen Berufsschulen entworfen. Der Staatshaushalt des Jahres 1991 setzte die Vorstellungen in Gesetzesform um. Tenor des Gesetzes war, dass verstärkte Konkurrenz unter den Schulen diese qualitativ voranbringen sollten.

Vorausschicken möchte ich eine kurze Information über die Grundkonstruktion der Handelsschule, die im Wesentlichen drei Zielgruppen anspricht: Die Grundausbildung ist für Volksschulabgänger gedacht, die später eine praktische Lehre absolvieren möchten, der gymnasiale Zweig erteilt die Hochschulreife, die Erwachsenenweiterbildung bietet Erwachsenen quasi gebührenpflichtige Kurse an, die sich finanziell tragen müssen.

Vor 1991 legte das dänische Unterrichtsministerium zentral die Zahl der einzurichtenden Klassen sowie deren Klassenstärke fest. Ab 1991 wurde es den Schulen selber überlassen, die Zahl der Zugelassenen für die Grundausbildung der Handelsschulen (HG) zu bestimmen. Die Praxis sah dann so aus, dass allen Schülern, die rechtzeitig einen Aufnahmeantrag gestellt hatten, eine Genehmigung erteilt wurde.

Auch der gymnasiale Zweig der Handelsschule (HH) wurde derart gestaltet. Jedoch galt die Vorbedingung, dass nur jene Schüler aufgenommen wurden, die fachlich geeignet und studienreif waren.

Was die Erwachsenenweiterbildung betrifft, so erleben die Handelsschulen seit 1991 eine drastisch steigende Nachfrage; allerdings auch deutlich veränderte finanzielle Rahmenbedingungen.

Für den quantitativen Schub in der Erwachsenenbildung sind hauptsächlich zwei Ursachen zu verzeichnen:
Zum einen haben die rückläufigen Jahrgangsstärken bei den Jugendlichen einen erhöhten Bedarf an Kompetenzentwicklung bei Erwachsenen bewirkt, zum anderen haben unsere Abnehmer neue Organisationsformen entwickelt und sie in den Betrieben schon umgesetzt. Die Verwendung neuer Technologien verlangt eine verstärkte Weiterbildung der Mitarbeiter.

Die finanziellen Wechselbäder der Handelsschulen rühren daher, dass das dänische Finanz- und Unterrichtsministerium sich vorbehalten hat - und sei es auch mitten im Finanzjahr! - einzugreifen und den Kostenrahmen der Kurse neu zu bestimmen. Das hat mehrfach dazu geführt, dass bei der Finanzierung der Kurse insofern Änderungen vorgenommen wurden, als für Kurse bei ent-sprechend niedriger Teilnahmegebühr in einem Jahr eine freie Aufnahme gewährt wurde, während im darauf folgenden Jahr für die gleichen Kurse Zulassungsbegrenzungen und hohe Teilnehmergebühren verordnet wurden. Die häufigen Änderungen in der Erwachsenenweiterbildung begründen sich in dem Wunsch, den staatlichen Ressourcenverbrauch dem Bedarf an Weiterbildung anzupassen, der bei den Betrieben festgestellt wird.

Vor 1991 wurde vom Unterrichtsministerium jeder Handelsschule ein Haushaltsrahmen vorgegeben, der von der Zahl der bewilligten Klassen und Schüler der jeweiligen Handelsschule bestimmt war. Die Schulen konnten dann zusätzliche Bewilligungen beantragen. Seit 1991 bekommt jede Handelsschule eine finanzielle Grundausstattung sowie einen Zuschuss, abhängig von der Schülerzahl. Diesen nennen wir den Taxameterzuschuss.

Vor 1991 hatte jede Handelsschule eine Planstellennormierung. Wenn eine Handelsschule einen neuen Lehrer einzustellen wünschte, musste innerhalb der Lehrernormierung Platz sein und die Einstellung musste vom Unterrichtsministerium abgesegnet werden. Seit 1991 steht es in der Verantwortung jeder einzelnen Handelsschule, für die benötigte Zahl qualifizierter Lehrer selbst zu sorgen.

Seit den 1950ern sind die Handelsschulen in Dänemark selbstständige Institutionen mit eigenen Vorständen, aber erst die strukturellen Änderungen von 1991 ermöglichten eine Verwaltung in eigener Zuständigkeit. Etwas salopp formuliert kann man sagen, dass wir das Recht erhielten, einen erwirtschafteten Überschuss selber zu behalten; gleichzeitig bekamen wir aber auch das Recht, Pleite zu gehen. Was wir heute erleben, ist, dass die Schulen wie folgt denken: Entweder sind wir eine Schule, die nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten betrieben wird, oder wir sind ein Betrieb, der Ausbildung verkauft. Sie sehen: die Strategien der Schulen sind eindeutig marktorientiert.

Heute entscheidet der lokale Vorstand der Handelsschule, der aus Vertretern der Parteien des Arbeitsmarktes, Vertretern des Stadtrates sowie des Kreistages, Vertretern der Mitarbeiter und der Schüler besteht, über alle wesentlichen Belange des Schulbetriebes. Es geht dabei um wesentliche Gebiete wie

· Vision/Profil der Schule, Strategien, Zielsetzungen und Handlungspläne
· Zahl der Lehrerdeputate
· Zahl der technisch-administrativen Deputate
· Einstellung/Kündigung des Schuldirektors
· Ressourcenverbrauch bezüglich Unterrichtsmaterialien und Technik (z.B. IT)
· Um- und Neubau
· Ausschreibung/Outsourcing

Die strukturellen Reformen von 1991 sind anschließend von zahlreichen Unterrichtsreformen begleitet worden, die das Profil und den Inhalt der Ausbildung angepasst haben.
Die Berater des Unterrichtsministeriums, die Parteien des Arbeitsmarktes und die Schulen selbst haben in den letzten 10 bis 11 Jahren markante Veränderungen in den Ausbildungsgängen vorgenommen. Manche sehen diese häufigen Reformen als Stärke, andere hingegen als Schwäche an. Ihre Stärke liegt darin, dass die Ausbildung immer den Bedürfnissen der Abnehmer in der Wirtschaft angepasst wird; die Schwäche liegt darin, dass besonders kleinere Betriebe sich schwer tun, die Veränderungen in den Kompetenzen der jungen Menschen, die in den Betrieben angestellt werden, zu verstehen und zu akzeptieren.

Die Art des Unterrichtens hat sich in den letzten 10 bis 11 Jahren ebenfalls geändert. Heute wird der Unterricht häufig in Form von Kursen in den ‚Essentials' der Fächer in Kombination mit einem fächerübergreifenden, projektorientierten Unterricht gestaltet, der Zusammenhänge und eine Ganzheit vermitteln soll. Dieser Trend wird in den kommenden Jahren weiterentwickelt werden. Man darf auch erwarten, dass die Schulen in noch höherem Maße web-basierten, virtuellen Unterricht entwickeln werden.

Das dänische Ausbildungssystem hat eine jahrelange Tradition darin, das Hauptaugenmerk darauf zu richten, dass die Schüler sowohl fachliche als auch persönliche und soziale Kompetenzen erlangen. Darum ist auch der Beruf des Lehrers in ständigem Wandel begriffen. Wir gehen in eine Zeit hinein, in der darauf Wert gelegt wird, dass sich die Schüler selbstständig diese Kompetenzen aneignen und die Rolle des Lehrers die eines Ratgebers sein wird. Aufgabe der Schulen wird es daher sein, den Schülern Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen, die ihnen die Möglichkeit bietet diese Kompetenzen zu entwickeln.

Die Skanderborg-Odder Handelsskole hat eine Vision. Sie lautet etwa so: "Wir wollen den Schülern für ihre Ausbildung einen Rahmen schaffen, der es ihnen ermöglicht, fachliche, persönliche und soziale Kompetenzen zu entwickeln. Wir wollen ihnen das nötige Rüstzeug mit auf den Weg geben, um sich in der Gesellschaft zu behaupten - national wie auch international."

Wir haben eine Reihe strategischer Einsatz-Schwerpunkte gesetzt; so bieten wir z.B. den Schülern ein internationales Programm an, das ihre interkulturellen Kompetenzen stärkt. Wir haben ein ‚Open Learning Center' mit freiem Zugang zu IT und mit freier Betreuung durch eine Reihe von Fachberatern eingerichtet und wir organisieren mehr fachübergreifende Projekte, als in den ministeriellen Richtlinien für die Fächer und für die Ausbildungen vorgeschrieben sind.

In Kurzfassung: Wir wollen, dass die ‚Kurse' in den jeweiligen Fächern die ‚Essentials' der Fächer sichern sollen. Und die Art, wie der Unterricht organisiert wird, z.B. der fächerübergreifende Themenunterricht, soll den Schülern eine persönliche Kompetenzentwicklung ermöglichen. Das internationale Angebot der Schule soll im Unterricht einen Mehrwert schaffen und die Schüler in die Lage versetzen, ein internationales Verständnis zu entwickeln und internationale Erfahrungen zu sammeln.

Die Handelsschulen sollen in Bezug auf Inhalt und Niveau der Fächer einer Reihe von ministeriellen Vorschriften genügen. Dies sicherzustellen liegt in der Verantwortung der Schulleitung. National gibt es ein Corps von Bewertern, das unter anderem die Aufgabe hat, eine einheitliche Bewertung des fachlichen Niveaus der Schüler zu sichern. Es hat aber auch die Aufgabe, darauf zu achten, dass die ministeriellen Vorschriften eingehalten werden. Für den gymnasialen Zug wurde ein Bewerter-Corps eingerichtet, das bei allen gymnasialen Ausbildungen in ganz Dänemark tätig ist. Jede Schule hat außerdem eine Evaluations-Prozedur für die eigene Schule. Vor ein paar Jahren hat das Unterrichtsministerium das Dänische Evaluationsinstitut gegründet, das in eigener Initiative Qualitäts- und Zielsetzungsevaluationen von Ausbildungen, Ausbildungsrichtungen und Schulen vornehmen kann.

Wesentlich für die Qualitätssicherung der Ausbildungen sind die Anforderungen an die Lehrer bezüglich Vorbildung und Weiterbildung. Ein Handelsschullehrer muss eine mindestens zweijährige einschlägige Betriebserfahrung nachweisen können; außerdem muss er 1 bis 2 Handelsfachlehrerprüfungen bestanden sowie ein Pädagogikum absolviert haben. Beim Abschluss der Tarifverhandlungen mit den Lehrern wurden jedem Lehrer jährlich mindestens 50 Stunden für fachliche/persönliche Entwicklung zugestanden.